Jeep auf den Spuren der Völkerwanderung

Alles was mit Travel zu tun hat
Benutzeravatar
BlueGerbil
gehört hier zum Inventar
gehört hier zum Inventar
Beiträge: 229
Registriert: Mo 27 Dez, 2004 16:11
Fahrzeug 1: The Grey

Re: Jeep auf den Spuren der Völkerwanderung

Beitrag von BlueGerbil »

04.02.2009:

Wir mussten uns entscheiden den heutigen Tag noch in Ustnera zu verbringen.
Am Ende 60 Stunden wach ist dann doch ein wenig viel um nach fünf Stunden Schlaf die gefährlichen 400 km nach Syrianka in Angriff zu nehmen. Alle warnen uns vorsichtig zu sein, helfen aber auch noch Tricks an den Autos umzusetzen, spezielle Eisbrechstangen zu besorgen etc.
Wir brechen morgen früh auf.

Am Abend lud uns unser Freund Vitalie aus Ustnera noch ein an einer Geburtstagsfeier seiner Mutter teilzunehmen.
Bewirtet mit besten jakutische Spezialitaeten wie Därmen junger Pferde und anderer Leckereien, verbrachten wir vier Stunden im Kreise seiner Familie. Tanzen und singen gehören hier dazu und so brachten auch wir auf deutsch ein Ständchen und tanzten nach einigen Wodka mit den Damen im Alter unserer Mütter. Es war ein herzliches Fest.
Es war sozusagen eine wirklich schöne Verabschiedung aus der Zivilisation in die Härte des Kolymar Gebiets.

Bild
Gruß,
Jan

[color=#40BF80][b]The Grey[/b][/color] - crawling even the most extreme mall parking lots!

Jede Begegnung, die unsere Seele berührt, hinterlässt eine Spur, die nie ganz verweht.
[size=85](Lore-Lillian Boden)[/size]
Benutzeravatar
BlueGerbil
gehört hier zum Inventar
gehört hier zum Inventar
Beiträge: 229
Registriert: Mo 27 Dez, 2004 16:11
Fahrzeug 1: The Grey

Re: Jeep auf den Spuren der Völkerwanderung

Beitrag von BlueGerbil »

05.02.2009: Einstieg in die Winterwege

Wir starteten nachdem wir rund 850 Liter Benzin aufgenommen und das Bioethanolmischungsverhältnis hergestellt hatten gegen 10 Uhr aus Ustnera und fühlen uns nun zeitweise wie Kapitäne auf einem Schiff: Mit anfänglich 1,2 Bar Luftdruck (später reduzierten wir nochmals wegen starker Schneeverwehungen auf 0,7 Bar) und als Vorsichtsmaßnahme, die sich bewähren sollte, mit ausgebauten Stabilisatoren schaukeln die Wagen wie auf hoher See. Der Grund: Ohne die Stabilisatoren ist die Verschränkung nochmals viel besser und die elektrischen Diskonektoren werden durch das viele Eis nach dem Einbrechen in Wasser einfrieren. Das wollten wir verhindern.

Wir erreichten nach ca. 90 km Winterstraße Richtung Magadan den kleinen unscheinbaren Abzweig nach Syrianka. Dieser Einstieg markiert den Beginn der harten Winterwege Chukotkas. Von hier aus (rund 600 m über NN) führte uns unsere erste Winterwegsetappe ca. 60 km auf den zugefrorenen Flüssen Burustach und Andigitschan Richtung Sasyr. Insgesamt legten wir in 15 Stunden Fahrt rund 220 km zurück, überquerten drei Pässe bis auf 1300 m über NN, halfen zwei LKW-Fahrern, die mit Motorschaden liegen geblieben waren indem wir über Satellitentelefon einen Notruf an die Zentrale absetzten, fuhren durch das Aquarium* und winchten mehrfach mein komplettes Gespann aus Tiefschnee, wenn ich beim Durchbrechen des Schnees stecken blieb.
In jedem Fall haben sich die Winden bei den jetzt rund acht Tonnen schweren Gespannen ein ums andere Mal bewährt - wie auch die Spezial-Anhängerkupplungen von Rockinger. Sie ermöglichen extremste Verschränkung zwischen Fahrzeug und Trailer - und die hatten wir zur Genüge.

Die Winterwege sind von 6x6 oder 8x8 Trucks "durchgebrochene Tracks". Sie führen querfeldein, entlang oder durch/über Flüsse, Wälder, Hänge, Ebenen, etc. Gerade so, wie die Trucks durchkommen. Oft waren wir mit 10 km/h oder weniger unterwegs und fuhren durch Täler oder Hochebenen und über Pässe, die von gewaltiger Schönheit sind. Auf einer dieser Hochebenen musste vor kurzem ein heftiger Sturm getobt haben. Es sah aus wie nach einem Erdbeben. Überall Zacken, Eis und meterhohe Schneeverwehungen, die im unwirklichen Scheinwerferlicht wie aufgebrochene Erde aussahen.

Unterwegs trafen wir Trucker in ihren extrem Urals und Kamaz, die sich verwegen durchkämpfen. Sie berichteten uns von mehreren offenen Flüssen, die wegen warmen Wassers nicht zufrieren. Bei ihrer Überquerung sollten wir vorsichtig sein. Nachdem wir gegen 3 Uhr morgens den offenen Fluss erreicht hatten, stoppten wir und richteten uns für die Nacht ein. Den Fluss bei Nacht zu durchqueren war zu gefährlich. Am nächsten Morgen traf es sich sehr gut, dass wir einen LKW-Konvoi auf uns zukommen sahen. Die Trucks durchquerten den Fluss auch nur mit Mühe. Wir konnten zusehen wie ein Kamaz aus dem Fluss geborgen wurde, der die meterhohe Eisstufe nicht erklimmen konnte. Nicht weit von der Stelle wo die Trucks querten fand Kaspar eine zerstörte alte Brücke. Die LKWs trägt sie nicht mehr aber unsere Fahrzeuge hoffen wir wird sie aushalten um uns eine heftige Winchaktion zu ersparen.

*Das Aquarium: Bei LKW-Fahrern berüchtigter kleiner See, kurz vor dem dritten Pass, auf dem sich in der Regel Nalid Eis bildet. Als wir am Morgen LKW-Fahrer trafen, sagten sie uns es sei ca. 5 cm dick. Nachmittags waren es schon 30 cm und als wir eintrafen brachen wir bis über die Achsen ein. Wir mussten es durchfahren, da wir damit rechneten, dass wir am nächsten Morgen noch tiefer einbrechen und uns die Autos am aufgebrochenen Eis der Trucks, welches wild hochsteht, beschädigen würden. Das hatte aber auch zur Folge, dass wir nicht wie ursprünglich geplant auf dem dritten Pass übernachten konnten (die Temperaturen sind in der Höhe in der Regel bis 10 Grad wärmer als im Tal), sondern weiter fahren mussten um zu verhindern, dass die Räder, Bremsen und Achsen nach der Wasserdurchfahrt einfrieren.

Feeling Gruppe: Nach sechs Stunden Schlaf und einem ausgedehnten Frühstück in herrlicher Landschaft bei Sonnenaufgang war die Power wieder da, nachdem zuvor die Anstrengungen an den Nerven zehrten.

Bild

Bild

Bild
Gruß,
Jan

[color=#40BF80][b]The Grey[/b][/color] - crawling even the most extreme mall parking lots!

Jede Begegnung, die unsere Seele berührt, hinterlässt eine Spur, die nie ganz verweht.
[size=85](Lore-Lillian Boden)[/size]
Benutzeravatar
BlueGerbil
gehört hier zum Inventar
gehört hier zum Inventar
Beiträge: 229
Registriert: Mo 27 Dez, 2004 16:11
Fahrzeug 1: The Grey

Re: Jeep auf den Spuren der Völkerwanderung

Beitrag von BlueGerbil »

06.02.2009: Sasyr

Die kleine Brücke hielt. Und als wir danach auch noch eine große Fläche Nalid Eises ohne Probleme durchfuhren weil es schon wieder gefroren war, war der Tag gebongt. Ein schwieriger Teilabschnitt war genommen.

Auf unserem weiteren Weg entdeckten wir zwischen Bäumen ein Basecamp der Rentierhirten. Es war vorübergehend verlassen, aber beeindruckte uns doch. Auf ein paar zusammengebundenen Holzplanken in ungefähr 1,5 m Höhe wird in Fellen geschlafen. Als Schutz dient lediglich einen notdürftige Plane. Schon gestern sahen wir Spuren eines oder mehrerer Hirten mit einer großen Anzahl von Tieren und folgten ihnen - jedoch ohne sie zu treffen.

Gegen 17 Uhr erreichten wir das von unserem nächtlichen Rastplatz rund 85 km entfernte native Dorf Sasyr. Es ist hauptsächlich von Pferde- und Rentierhirtenfamilien bewohnt und hat eine lange Tradition. Hier steht auch das einzige Museum, welches die Historie des Volksstammes der Ewenen zeigt. Keine fünf Minuten nachdem wir einfuhren, umringten uns vielleicht 20 Kinder. Groß war die Freude, als wir ihnen in dem kleinen Shop Schokolade kauften. Direkt lud uns eines der etwas älteren Kinder zu sich nach Hause ein. Dort angekommen bewirtete uns die Familie mit Tee und Gebäck.

Anschließend fuhren wir noch rund 70 km über heftigste Buckelpisten durch Wälder bis zu unserem jetzigen nächtlichen Standplatz im Tiefschnee bei -48°C.

Bild

Bild

Bild

Bild
Gruß,
Jan

[color=#40BF80][b]The Grey[/b][/color] - crawling even the most extreme mall parking lots!

Jede Begegnung, die unsere Seele berührt, hinterlässt eine Spur, die nie ganz verweht.
[size=85](Lore-Lillian Boden)[/size]
Benutzeravatar
BlueGerbil
gehört hier zum Inventar
gehört hier zum Inventar
Beiträge: 229
Registriert: Mo 27 Dez, 2004 16:11
Fahrzeug 1: The Grey

Re: Jeep auf den Spuren der Völkerwanderung

Beitrag von BlueGerbil »

07.02.2009:

Ich hatte mich knapp verkalkuliert.
Als wir am Morgen aufwachten war dies nicht weil der Wecker klingelte oder wir ausgeschlafen hatten, sondern weil der Motor am F1 ausging. In der Nacht wollten wir die Tanks bei eisigen Temperaturen nicht noch auffüllen und ich kalkulierte die Restmenge im Haupttank sollte knapp bis zum Morgen reichen. Sie tat es um eine halbe Stunde nicht. Das eine Umpumpaktion unmittelbar nach dem Aufwachen und in schneidender Kälte nicht wirklich Spaß macht und man schlagartig hell wach ist, ist auch klar. Entschädigt wurden wir mit dem Eintreffen der ersten Sonnenstrahlen und einem Landschaftsbild wie es sich ein Maler nicht schöner hätte ausdenken können.

Interessant ist bei uns immer das Frühstück. Die beengten Platzverhältnisse in den Wagen ringen uns in der Regel akrobatische Leistungen (das gilt auch für die Bildbearbeitung, die Uli während der Fahrt mit großer Fingerfertigkeit aber mit noch mehr Geduld - leichtes bis mittelschweres Fluchen über die nächste Beule am Kopf oder Ähnliches hören wir vorne kaum noch - zu Wege bringt) ab. Und da das Frühstück bei uns die einzige Mahlzeit ist, die wir im Ruhezustand - also ohne zu Fahren - einnehmen, geben wir uns natürlich Mühe. Da wir im Auto kochen, müssen die drei Schlafplätze mit dem Innenraumequipment in die Küche verwandelt werden, wozu Umbaumaßnahmen notwendig sind. :-)
Aber dann ist's kuschelig. Dass drei Männer im Jeep komfortabel schlafen können ist eh klar. :-) Heute Morgen z.B. flippte mein dick bestrichenes Marmeladenbrot, welches ich auf meiner Tasse abgelegt hatte, welche auf dem Rand des GPS stand, welches neben dem Funkgerät montiert ist und gab sich der Erdanziehung hin. Bis es mit der Marmelade nach unten die Endposition auf der Hydrauliksteuerung eingenommen hatte, streifte es noch das Funkkabel, das Lenkrad, von dort das Laptop um dann über meine Hose und das Sitzfell nach unten zu rutschen.

Mittlerweile fahren wir fast nur noch auf Flüssen oder durch Flussbetten über Treibholz. In einem dieser engen Flussläufe trafen wir Vitali und Kirill. Beide leben in einem 2,5 x 2,5 m großen, einfachen Zelt und arbeiten daran, einen Mitte Dezember in Nalid Ice eingebrochenen 6x6 Urla-Truck aus dem Eis zu befreien. Der Wagen ist ein einziger riesiger Eisklumpen. Der Trick besteht nun darin, den LKW als ganzen Eisblock aus dem Fluss zu lösen und diesen rund 9 x 3 x 1,5 m großen Brocken mittels einer Eisrampe und zwei weiteren Trucks aus dem Fluss an Land zu ziehen.
Eine Mörderarbeit. Diese wird ungefähr zwei Wochen dauern. Danach braucht man nochmals rund eine Woche um den Truck mittels großer Bunsenbrennern aus dem Eisblock raus zu tauen und rollbereit zu machen. Ein anderer Truck wird dann das havarierte Fahrzeug 200 km in die nächste Ansiedlung schleppen, wo die Reparatur beginnen kann.

Wir hoffen Syrianka in rund sieben Stunden zu erreichen.

Bild

Bild

Bild

Bild

Bild
Gruß,
Jan

[color=#40BF80][b]The Grey[/b][/color] - crawling even the most extreme mall parking lots!

Jede Begegnung, die unsere Seele berührt, hinterlässt eine Spur, die nie ganz verweht.
[size=85](Lore-Lillian Boden)[/size]
blueranger
Stammgast
Stammgast
Beiträge: 25
Registriert: Mo 26 Mai, 2008 10:44
Fahrzeug 1:

Re: Jeep auf den Spuren der Völkerwanderung

Beitrag von blueranger »

Hallo Jan (oder auch andere),

kann mir da mal bitte einer weiter helfen:
Irgendwie habe ich den Überblick in Sachen Reiseroute verloren.
Nach dem neusten Bericht (kommt hier wohl in Kürze) ist das Team jetzt unterwegs in Richtung UELEN.

Liegt hier eine nicht dokumentierte Streckenänderung vor?
Die Etappen Jakutsk - Magadan
und Magadan - Uelen sind als Etappen dokumentiert.

Da sie aber nie mit den Autos in Magadan waren (oder etwa doch???? :oops: ), ist die neue Streckenführung (ohne Kartenbild) scheinbar
JAKUTSK - UELEN und man hat sich Magadan gespart.

Sehe ich das richtig??

Gruß BlueRanger

P.S.: Heute nacht scheint man ja zwischen 0:00 und 4:00 Uhr tierisch hin- und hergekurvt zu sein (siehe Live-Track).
Man ist entweder nicht durchgekommen oder hat sich verirrt. Dazu ist aber im neusten Bericht nichts geschrieben worden.
(der kommt noch vom Jan).
Benutzeravatar
BlueGerbil
gehört hier zum Inventar
gehört hier zum Inventar
Beiträge: 229
Registriert: Mo 27 Dez, 2004 16:11
Fahrzeug 1: The Grey

Re: Jeep auf den Spuren der Völkerwanderung

Beitrag von BlueGerbil »

11.02.2009:

Wir kriechen mit 5 km/h daher und sind eigentlich viel zu langsam. Die extrem heftigen, harten und buckeligen Winterwege lassen aber keine höheren Geschwindigkeiten zu. Nach rund drei Tagen mehr oder weniger nonstop Fahrt ab Ust-Nera (wir schliefen immer nur ein paar Stunden in der Taiga) sind wir gestern Nachmittag in Syrianka angekommen. Wir begannen sofort mit der Suche nach einer warmen Garage und einer Übernachtungsmöglichkeit. Beides fanden wir dank sehr freundlicher russischer Helfer. Die Garage hatte genug Platz für die Autos und Anhänger und man ließ uns trotz der sonntäglichen Pause mit der Kontrolle der Fahrzeuge und Anhänger sowie der Instandsetzung verschiedener Beschädigungen beginnen.

Parallel kaufte ein Teil des Teams weitere Vorräte für die kommenden 1500 km bis Belibina ein. Konstantin organisierte ein Zimmer für uns (5 Mann auf 3,5 x 3,5 m), wo wir uns wieder mal ausstrecken konnten - siehe hierzu auch Ulis Anmerkungen/Anekdoten**. Irina, die freundliche ältere Hausdame kochte sogar für uns und wir konnten in der Zwischenzeit ein paar Sachen waschen.
Endlich wieder ein Hotel.

Matthias Jeschke


** Ulrich Kaifer:
Wir hatten ein kleines nettes Apartment mit einem Zimmer und kleiner Küche.
Das Badezimmer machte einen super Eindruck. Ich hatte die Ehre als erster duschen zu dürfen und nahm nach drei Tagen Abstinenz dankend an. Im Gegensatz zu allen anderen bisherigen Duschen hatte diese sogar eine Duschkabine was insofern ganz nützlich sein kann, als dass man das Bad nicht jedes mal komplett fluten muss. Als ich in die Kabine stieg merkte ich jedoch sofort, dass ich weit gefehlt hatte. Die Kabine war erstens nicht auf der Duschtasse befestigt, so dass diese schräg saß und zweitens sich die Tür nicht richtig schließen ließ. OK, dann wohl doch fluten. Viel schlimmer war jedoch, dass sich die Temperatur des kleinen Wasserstrahls nur zwischen kochendem Wasser und eisig kalt regulieren ließ. Als ich endlich nass war musste ich zudem noch feststellen, dass sowohl mein Shampoo, sowie die Waschlotion in meinem Kulturbeutel, welcher während der Fahrt unter der hinteren Sitzbank lagert, gefroren waren. Beim Ausstieg hielt ich mich dann noch grob fahrlässig an der Handtuchstange fest, welche sich dann von der Wand löste und in Ihre Einzelteile zerfiel. Trocken, sauber und glücklich verließ ich dann schließlich das Bad.

Ein weiteres kleines Missgeschick passierte mir wenig später. Wir hatten die Möglichkeit unsere dreckige Wäsche in einer Maschine zu waschen. Kaspar hatte sich darum gekümmert und kam erstaunlich schnell mit gewaschener aber feuchter Wäsche zurück. Die Waschdauer kann nicht mehr als 20 Minuten betragen haben. Die Heizung war nicht wie sonst immer in Russland auf Sauna gestellt. An einem roten Drehknopf an der Seite wollte ich dies ändern. Was man wissen muss, normalerweise laufen die Heizungen in Russland auf vollen Touren, die Raumtemperatur wird nur über das Öffnen der Fenster reguliert.

Die Tatsache eines roten Drehknopfes hätte mich eigentlich stutzig machen müssen, aber als mehr oder weniger Anfänger in diesen Breiten habe ich diesen mal beherzt aufgedreht. Das Öffnen des ziemlich großen Entlüftungsventils hatte zur Folge, dass die doch relativ frisch gestrichene Wand mit einer nicht ganz unerheblichen Menge ziemlich brauner Brühe versaut wurde. Ich war so verdutzt, dass ich das Ventil auch erst nach geschätzten drei Sekunden wieder zudrehen konnte. Die Wand konnte ich ganz gut reinigen, die Pfütze in der Raumecke überließ ich Ihrem eigenen Schicksal. Der Schaden hielt sich aber in Grenzen.

Danach hatten wir einen ganz netten Abend in unserer kleinen Küche. Die Dame an der Rezeption machte uns ein warmes Abendessen aus Lebensmitteln, die wir für diesen Zweck eingekauft hatten. Nach zwei Bier und dem warmen Essen war ich im Nu so müde, dass es mir schwer viel nicht am Tisch einzuschlafen.

Kaspar und ich durften uns als Dienstälteste das Bett teilen, der Rest schlief mit Schlafsäcken auf dem Boden. Es gab jedoch nur eine Decke für uns zwei. Ich beschloss mir aus zwei Bezügen meine Bettdecke zu bauen. Dies ging anfänglich auch ganz gut, ich schlief sofort ein, wachte aber in der Nacht wieder auf weil mir kalt war. Nach langem Kampf gegen den allseits bekannten Schweinehund zog ich mir einen Pullover an, fror dann aber weiter an den Beinen und hatte keinen sonderlich guten Schlaf.

Insgesamt war ich aber doch ganz froh mal wieder in der Zivilisation gewesen zu sein, geduscht und in einem Bett geschlafen zu haben.
Gruß,
Jan

[color=#40BF80][b]The Grey[/b][/color] - crawling even the most extreme mall parking lots!

Jede Begegnung, die unsere Seele berührt, hinterlässt eine Spur, die nie ganz verweht.
[size=85](Lore-Lillian Boden)[/size]
blueranger
Stammgast
Stammgast
Beiträge: 25
Registriert: Mo 26 Mai, 2008 10:44
Fahrzeug 1:

Re: Jeep auf den Spuren der Völkerwanderung

Beitrag von blueranger »

Hallo Jan (oder auch andere),
kann mir da mal bitte einer weiter helfen
Na da kann man doch wirklich nicht meckern.
Danke für die echt erschöpfende Auskunft ... :lupe:

BlueRanger
blueranger
Stammgast
Stammgast
Beiträge: 25
Registriert: Mo 26 Mai, 2008 10:44
Fahrzeug 1:

Re: Jeep auf den Spuren der Völkerwanderung

Beitrag von blueranger »

Wo mögen die bloß jetzt stecken ??
Seit 24 Stunden kein Live-Track mehr ... :eek:
Benutzeravatar
BlueGerbil
gehört hier zum Inventar
gehört hier zum Inventar
Beiträge: 229
Registriert: Mo 27 Dez, 2004 16:11
Fahrzeug 1: The Grey

Re: Jeep auf den Spuren der Völkerwanderung

Beitrag von BlueGerbil »

11.02.2009 - Teil 2

Noch zu keinem Zeitpunkt wurde uns die Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft der russischen Bevölkerung nicht zuteil. Und ohne die freundlichen russischen Helfer wird es hier sehr schwierig bis unmöglich. Du brauchst mal schnell ein schweres Werkzeug oder ein Schweißgerät oder eine Drehbank oder eine Garage oder was auch immer. An dieser Stelle möchten wir zwischendurch wieder einmal allen, die wir kennen lernen durften weil sie uns halfen, und denen, die für das Einsatzteam unbekannt etwas tun oder taten, sei es im Vorder- oder im Hintergrund, vielen, vielen Dank sagen.

Am nächsten Abend ging es weiter auf eine 380 km lange, nervenzehrende Fahrt auf dem Fluss Kolymar. Diese mit Eislöchern gespickte Buckelpiste (entstanden aus Luftblasen, die von Trucks eingedrückt wurden) hatte es in sich. Hundertfach schlagen die Reifen durch, brechen wir in Messerscharfe Eislöcher ein oder durchfahren sie, überfahren wir Steine, Baumstämme etc. Dass wir weder an einem der Anhänger, noch an einem der Jeeps bisher einen Reifenschaden hatten, bestärkt mal wieder meine Überzeugung, dass wir mit dem Goodyear Wrangler MT/R den besten Geländereifen der Welt auf unseren Expeditionen einsetzten.

Wir benötigten für die nonstop Fahrt mit bis zu -50°C - während derer wir auch den Arctic Circle überquerten - rund 16 Stunden und kamen geschlaucht in Schritniekolimsk, einem Dorf in the middle of nowhere an. Dort angekommen wurden wir binnen Minuten von Journalisten und Einwohnern begrüßt. Es ist ein wirklich schönes kleines Dorf, das an das Ufer der Kolymar aus Holz gebaut wurde. Es ist aufgeräumt und die kleinen eigenen Häuser sind größtenteils hübsch zu Recht gemacht und gepflegt. Das dieses kleine Dorf, in dem neun Monate im Jahr Winter herrscht, auch Stadtrechte besitzt, geht - wie wir hörten - auf eine Geschichte während der Zeit von Katarina II zurück.

Auf Grund der extremen Winterwege, die uns und unserem Material alles abverlangen, müssen wir alle paar hundert Kilometer kontrollieren und reparieren. Zum Glück hatten wir auch dieses Mal eine kleine Garage, in der es um null Grad war und wir die Arbeiten erledigen konnten.

Wenn man sich fragt wie die Wege, die wir fahren sind, so kann man nur sagen, dass viele normale Geländewagen diese schon auf Grund der Böschungswinkel kaum hätten meistern könnten ohne sich die Stoßstange etc. abzureißen. Man kann kaum beschreiben wie zerstörerisch sie sind. Tausende von Löchern, hohen Wellen, Ästen, Baumstämmen, steile Auf- und Abfahrten in Flussbetten etc. Und wir zerren dort auch noch die Trailer durch. Das dies nicht bis ans Ende ohne Schäden geht ist allen klar. Wann wir jedoch das erste größere Problem haben würden konnte keiner sagen. Dass es aber nicht mehr lange dauern konnte bis irgendetwas nachgab war klar. Heute Nacht war es dann soweit. Es passierte in einem Hohlweg ca. 50 km hinter Schritnikolimsk. Rechts und links eine 1 m hohe Böschung. Der Weg war so schmal, dass immer nur einer durchfahren konnte und mit hohen Wellen und Brüchen versehen. Dort zerrten wir die Trailer im ersten Gang mit Untersetzung und Sperren durch, als ich meinen plötzlich im Rückspiegel vorne in die Luft ragen sah. Zuerst dachte ich die Anhängerkupplungen seien auseinander gerissen, was aber nicht der Fall war. Es war der Rahmen, an dem ein Teil abgebrochen war. Nun hieß es improvisieren. Und das - wegen der Kälte und weil große Uraltrucks vor und hinter uns auf die Durchfahrt warteten - schnell. Mit Spanngurten bauten wir eine Behelfslösung und machten nach rund einer Stunde die Gasse frei, indem wir uns etwa 300 m weiter in die Böschung schlugen.

Nachdem die Trucks passiert hatten, mussten wir noch auf schwierige Art und Weise wenden und fuhren sehr langsam zurück in ein kleines Dorf mit Namen Nalimsk, welches wir vor ungefähr 30 km passiert hatten. In dem Dorf, in dem ausschließlich Jakuten auf traditionelle Art und Weise mit der Natur leben, fragten wir den Bürgermeister wer uns ein Schweißgerät zur Verfügung stellen oder uns etwas schweißen könne. Er sagte uns, dies sei nur morgen früh möglich und lud uns ein in seinem Bürgermeisterzimmer zu übernachten. Zwischen Stühlen, Fahnen und Tischen schliefen Ulrich Kaifer, Kaspar Mettler, Marco Schwarzer und Konstantin Savva, während ich in meinem Wagen blieb um sicher zu stellen, dass die Motoren bei -50°C gut durchliefen.

Am nächsten Morgen organisierte der Bürgermeister wie versprochen die Reparatur. Ivan, der Schweißer des kleinen Kohleheizkraftwerks des Dorfes, nahm uns mit zu sich nach Hause. Er hatte einen kleinen Transformator mit dem er ein elektrisches Schweißgerät betreiben konnte. Nachdem er Felle unter dem Anhänger ausgebreitet und aus einer alten Stahltürzarge vier Verstärkungsteile hergestellt hatte, begann er mit richtigen Schweißen. Die Reparatur inkl. der präventiven Maßnahmen dauerte den ganzen Tag - draußen versteht sich, weil es keine Garage gab. Zwischenzeitlich lud er uns noch zu Tee und Gebäck, anschließend sogar noch zum Pferdefleisch essen ein. Da sich in dem traditionellen Hauptgericht auch eine ausgiebige Menge Pferdedärme befand, fiel es einem Teil des Teams nicht leicht der Höflichkeit halber die von der anwesenden Schwiegermutter randvoll gefüllten Teller zu leeren. Gegen 17 Uhr wollten wir aufbrechen und befuhren langsam die Dorfstraße, als immer mehr Kinder und Jugendliche um uns herum auftauchten. Auch Erwachsene kamen, aus Fenstern wurde gewunken.

Wir hielten wieder und wieder an, erklärten, ließen auf den Autos unterschreiben und mussten Fotos machen. Abschließend bug man für uns sogar noch frische Brote für den 700 km langen harten Weg, im mehr oder weniger Schritttempo nach Tscherskie, der nun vor uns liegt. Bei einsetzendem Schneefall fuhren wir los.

Bild

Bild

Bild

Bild
Gruß,
Jan

[color=#40BF80][b]The Grey[/b][/color] - crawling even the most extreme mall parking lots!

Jede Begegnung, die unsere Seele berührt, hinterlässt eine Spur, die nie ganz verweht.
[size=85](Lore-Lillian Boden)[/size]
Benutzeravatar
BlueGerbil
gehört hier zum Inventar
gehört hier zum Inventar
Beiträge: 229
Registriert: Mo 27 Dez, 2004 16:11
Fahrzeug 1: The Grey

Re: Jeep auf den Spuren der Völkerwanderung

Beitrag von BlueGerbil »

16.02.2009: Neue Kurzmeldung vom Expeditionsteam

Team erreicht nach sehr schwieriger, anstrengender Etappe Belibino / heftige Probleme unterwegs / ein PNY-Jeep mit Trailer in Scheetreiben im Graben / Anhänger umgefallen / dennoch nichts Erhebliches zerstöhrt / keine Verletzungen / Team wohl auf / sehr freundliche, hilfsbereite Aufnahme von allen in Belibino / Bericht folgt

Bild

Bild

Bild

Bild

Bild
Gruß,
Jan

[color=#40BF80][b]The Grey[/b][/color] - crawling even the most extreme mall parking lots!

Jede Begegnung, die unsere Seele berührt, hinterlässt eine Spur, die nie ganz verweht.
[size=85](Lore-Lillian Boden)[/size]
Antworten